Der letzte Tag



Wir besteigen den Berg

Dienstag, 28. Juli 2015

20:57

Wie ich sagte, wir steigen aus dem Auto aus und gehen spazieren. So denke ich.

Die Brüder laufen über die Steine. Mohammad bleibt ab und zu stehen, gibt mir seine Hand, damit ich sicher gehen kann. Sie zeigen mit den Finger auf die Festung, in schwindelnder Höhe… finde ich.










Nie im Leben denke ich daran, dass wir diesen Berg besteigen wollen. Es ist über 40 Grad heiß, in meiner Hand trage ich eine Wasserflasche aus dem Eisfach. Diese wird mich im laufe des Tages noch retten. 

Teilweise ist das Wasser darin, noch zu einem Klumpen Eis gefroren.


Irgendwo spielen Kinder und Abdullah fragt etwas. Dann sagt er, es sind ca 3 km bis oben.

Hmmmmmmmmmmmmmmmmmmm….


Dann läuft er los und wir zockeln hinter her. Ich versuche zu atmen und im gleichmäßigem Tempo hinter her zu laufen. Meine Füße stecken immer noch in den Latschen und ich laufe vorsichtig. Dann habe ich dieses tolle Kleid an. Leider kann ich damit keine großen Schritte machen und ich muss wie eine Dame meinen Rock etwas anheben.


Die Kurven zur Festung, führen nur an einer Seite des Berges  zum Ziel. Bald kann man den Weg nicht mehr sehen und dann verlieren wir Abdullah aus den Augen. Bis eine Stimme zu hören ist. Hallo, hallo, Peeettttrrraaa…. Und dann sehen meine Augen einen schmalen Mann, der mit schwingenden Armen über seinem Kopf, hin und her wedelt. Hier bin ich.


Ich bleibe stehen und freu mich. In Gedanken gebe ich auf und gehe keinen Schritt mehr weiter und so sage ich zu Mohammed, ab und an muss ein Reisender am Berg stehen bleiben, um sich die Umgebung anzusehen. Dann setze ich mich auf einen Stein und schnappe nach Luft. Der Schweiß rinnt mir den Rücken hinunter und ab in die Rinne, am unteren Ende des selbigen. Himmel ist es hier heiß. Mohammad lacht und sagt, komm das schaffst du. Der Weg zurück, ist nicht mehr so beschwerlich. Ja, ich komme. So nehme ich einen Schluck aus der Flasche, der Eisklumpen hat sich mittlerweile aufgelöst. Nach meiner kleinen Pause marschiere tapfer weiter. Ich fange an zu singen, wie ich es früher gemacht habe, wenn mein Vater mit mir die Berge bestiegen hat. "Aus grauer Städte Mauern"… "Heili heilo wir wandern…." und irgendwann fange ich noch an zu Jodeln… lach… ich glaube ich drehe durch.










Gleich ist es so weit. Ich kann nicht mehr. Irgendwo dort oben ist Abdullah angekommen und ruft. Ich bin hier. Der Hase und der Igel. Das fällt mir ein. Wenn ich die Jungs hoch laufen sehe. Der Igel mit seinen kurzen Beinen. Wie soll er das schaffen. Himmel… einen kleinen Moment … ich komme… nicht, oder doch. Ich setze mich wieder und das Wasser aus der Flache, landet nicht nur in meinem Mund sondern auch über meine Arme, Beine, Kopf und "schitt was druf…" ich schütte mir etwas davon über mein schönes Kleid. So gehe ich pitsche nass weiter aber auch nur, weil Mohammed meint, ich schaffe es.


Tatsächlich komme ich oben an. Wir sind alle am Ende. Ich weil … ja genau.. WEIL ALLES und die Jungs, weil sie ja nichts trinken dürfen. Es ist immer noch Ramadan. So legen wir uns in den Schatten und … dann kommt die Nachricht.


Die Festung ist feste verschlossen. Wir haben den Weg umsonst gemacht.


Erst bin ich traurig aber dann, nein, es war nicht umsonst. Es war wunderbar einmal über seine Grenzen zu gehen und der Ausblick den wir haben, ist eine Belohnung. 

Bestimmt!


Herunter geht es, wie versprochen… zucki-zucki und als wir unten den Wagen erreichen, geht es uns wirklich gut. Wir sind erschöpft aber es geht uns wunderbar. Casa, der beim Wagen geblieben ist, hat ein paar Nüsse für uns gesammelt. Ich darf ja etwas essen. Trinken ist auch noch im Auto. So trinke ich, denn es muss sein.


Habe ich schon erzählt wie wunderbar alles um mich herum aussieht. Manchmal habe ich das Gefühl, gleich kommen die Indianer um die Ecke. Es ist eine Western Sahara. Hin und wieder ist vor den Steinfelsen, die aus Schieferplatten aufeinander gestapelt sind, eine einsame Palme.


Jetzt fahren wir zu einer Quelle, sagen die Brüder. Dort kannst du Baden. Ich habe keine Badesachen mit aber die Jungs das sagen, dann nehme ich es so und genieße die kühle Brise, von der Klimaanlage, in unserem Auto.


Mohammad ist wieder Beifahrer und ich sitze hinter ihm. Abdullah strahlt neben mir. Er hat sein Handy in der Hand und spricht mit seiner Freundin. Er erzählt ihr, dass er mit mir Englisch spricht und ist mächtig stolz auf sich. So soll es sein. Ich freue mich.


Mohammad hat meine Hand genommen und steckt Sie in seine Haare. Ein paar Streicheleinheiten tun einfach nur gut. Was man als nun ja,  Mutter  auch gerne macht. So schlummert er unter meiner Hand ein und ich genieße die Fahrt, bis zu unserem nächsten Ziel. Eine Steigerung ist wohl kaum noch möglich, denke ich und bereite mich gedanklich bereits auf die Heimfahrt vor.


Am Ziel angekommen ist der erste Blick ein kleines Flachdachhaus in dem eine Bude, hätten wir aus NRW gesagt, in der alles an Ware  untergebracht ist. Abdullah ist vor gelaufen und verschwindet im Büdchen. Dann kommt sein Kopf, der auf einem langen Hals sitzt,  an einer Ecke der Türe herausgeragt und eine seiner Hände winkt eifrig. Komm, komm… möchtest du etwas, fragt er.




Ich folge brav, gehe an den Kindern vorbei, die auf den Stufen zur Bude sitzen und hinter ihrer Hand tuscheln. Es begrüßt mich ein Alter Herr mit Bart, Salam assalama. Bonjour, sage ich. Er zeigt mit dem Finger auf einige Sachen. Getränke gekühlt. Abdullah zeigt auf Fanta, er schüttelt mit dem Kopf und zeigt auf meinen Jogurtdrink. Natürlich bin ich begeistert und nicke. So bekomme ich wieder dieses geliebte Getränk. DANKE


Wir gehen weiter und ich bin mir nicht sicher, was mich erwartet. Dann gehen wir durch ein altes Flussbett und Mohammad verschwindet in einer Art Abstellkammer mit offenem Vorbau. Er gibt einer Frau Geld und führt mich dort hin.


Was jetzt passiert ist einfach nur  … nur… IRRE!!!!!!!


Mohammad sagt noch einmal… in einer viertel Stunde komme ich zurück … dann lässt er mich mit der Frau alleine. Kinder stehen wieder vor dem Eingangsbogen und lachen. Mein Weg führt ins dunkele. Dann höre ich Frauen kichern und Wasser plätschern. Der schmale Gang auf dem ich stehe, hat an der linken Seite eine Ablage. Hier liegen allerhand Anziehsachen. Die Frau zeigt mir ich solle mich ausziehen und ich mache es. Meine Kleidung kommt zu den anderen Sachen und ich werde Stufen heruntergeführt.


Am Ende der Treppe ist ein Tümpel. Hier ist kein Licht, doch meine Augen haben sich bereits an die Dunkelheit gewöhnt und ich sehe mehrere Frauen im Wasser sitzen und stehen. Eine reicht mir die Hand und ab geht es ins kühle Nass. Dann weiß ich nicht mehr wie viele Hände mich waschen. Laut wird gelacht und geschrubbt. Vorsicht ich bestehe auch aus Haut, möchte ich sagen… aber wer soll mich schon verstehen. Sie waschen mein Haar, mein Gesicht, Arme, Beine, Bauch, Rücken und irgendwie werde ich nach rechts und links gezogen. Hin und her, hin und her, mit Gelächter bekomme ich das Wasser über den Kopf gegossen. So komme ich fast nicht dazu es zu genießen, weil ich auch laut Lachen muss. Dann darf ich noch ein bisschen im Wasser sitzen und plantschen. Wie wunderbar.


Sauber! 

Sauber und gut riechend geht es zurück. Die Männer haben auch gebadet. So erzähle ich mein Erlebnis und die Männer lachen. Was wäre passiert, wenn Mohammad der Frau noch etwas mehr Geld gegeben hätte. Dann hättest du keine Haut mehr gehabt, sagt Abdullah und lacht.

 Wir fahren nach Hause, wo bereits unser Essen vorbereitet wird.    

Der Abend wird noch sehr schön,  ich werde noch von Kahdija geschmückt. Sie legt mir den Schmuck von ihrer Mutter um. Das ist ihr Hochzeitsschmuck. So richtig weiß ich nicht, was ich sagen soll. Es ist mir eine große Ehre. Wir machen Fotos. Ich freue mich und genieße es. Nun bin ich wohl mit der ganzen Familie verheiratet. Ich liebe euch.




Bis auf die Geburt meiner Kinder, war das der schönste Tag meines Lebens.

Kahdija und ich gehen schlafen. Gute Nacht. Morgen ist Zuckerfest,  Morgen fliege ich nach Hause.

Ich weine heimlich in meinem Bett und ziehe mir die dünne Decke bis über die Nase. Kahdija hat es mir so gesagt, als sie die Mücken aus dem Zimmer gefegt hat. Wenn du dich zudeckst, stechen dich die Mücken nicht. Hat sie gezeigt. So tropfen meine Tränen direkt ins Tuch und ich brauche nicht  mit den Händen verräterisch alles weg zu wischen. Diese Woche ist viel zu schnell vorbei gegangen.


Am nächsten Morgen kommen alle Verwandten und die Nachbarn. Es ist ein großes Fest, wenn Ramadan beendet ist. Es wird gegessen, geredet, getrunken, gegessen, geredet, getrunken, gegessen… lach… ja, es ist schön.


Ich darf das Haus eines Onkels besuchen. Die Kinder und die Frauen sind in einem Raum versammelt. Wir trinken Tee und … ESSEN… lach. Alle Kinder sind bei mir. Das ist wunderschön und ich genieße es.

Wir machen Fotos. Leider kann ich euch diese nicht zeigen. Das ist Anstand und sehr privat. Doch ich sage euch, es sind wunderschöne Fotos, mit wunderschönen Menschen.


Alles hat sein Ende irgendwann und diese Reise auch. Die Brüder fahren mich zum Flughafen, in letzter Minute erreichen wir unser Ziel. Das Verabschieden geht schnell und ich bin dankbar dafür.


Es soll doch schön sein und ich möchte jetzt nicht weinen.


Auf Wiedersehen, Willkommen….

Ich liebe,

Ich liebe euch,

Ich liebe DICH!


Die Zukunft wird noch geschrieben,

Die Vergangenheit kann man nicht löschen!


Danke dir mein Gott.

Du bist gnädig und gibst uns ein Stück vom Paradies.

Im Flugzeug zurück nach Düsseldorf


Gebe mir nicht den Fisch, sondern zeige mir, wie du ihn fängst.

Samstag, 18. Juli 2015

18:41

So fliegt der Flieger Richtung Düsseldorf. Er kommt von Agadir mit den Erinnerungen, der schönsten Woche meines Lebens an Bord. Seit heute ist mir bewusst, was ich schon immer wusste, ich liebe die Menschen aber besonders, liebe ich die Armen unter Ihnen.


Und wenn man glaubt es gibt für einen Menschen nur einen Engel. Tja, da kann ich nur sagen, jeder Engel hat eine Familie. Ein Teil davon befindet sich im Himmel und der andere ist hier bei uns auf der Erde.


Wo soll ich anfangen. Einige Tage habe ich jetzt schon in Marokko verbracht. Mohammad hat mir gezeigt, wie wundervoll es ist, wenn man dienen darf und wenn man das noch für seine Familie tun kann.


Die letzten zwei Tage waren voller Herzlichkeiten. Die ersten, hoffe ich in diesem Lepi wieder zu finden. Im Moment sind sie verloren gegangen. Verloren gegangen und wiedergefunden in meinem Kopf. Denn in der Not können wir mehr, als wir für möglich halten. Hoffentlich werden Sie wiederkehren, es wäre zu schade, viele Erinnerungen sind am Besten sofort niedergeschrieben. Doch die Erinnerung kann mir keiner nehmen. Ganz viel Liebe wurde in mein Herz gepflanzt. Hoffentlich kann ich diese Liebe weitergeben,  ohne dass ich zu viel davon verliere.


So bitte ich euch um Entschuldigung, wenn ich mich wiederhole. Doch wie gesagt, im Moment finde ich mein Tagebuch im Lepi nicht und nur für alle Fälle, für die Fälle dass sie wirklich weg sind, schreibe ich alles auf, was mir hier im Flugzeug in frischer Erinnerung ist.


Wir fahren mit dem Bus von Essaouira nach Agadir und von dort in die Sahara. Wie sagt Mohammad, in meine City. Ich bin arm sagt er noch einmal, damit ich es nicht vergesse. Um 7.00 Uhr in der Früh, soll ich ihn wecken. Es ist nicht mehr viel Zeit zum Schlafen.  Immer wieder gehen mir seine Worte durch den Kopf. All das, hat er mir in meiner Fantasie schon einmal gezeigt. Damals war er ein anderer Mensch, doch er war sich so verblüffend ähnlich. Haha.  Er hat mir gezeigt, wie ich leben soll aber ich konnte es nicht umsetzen. Viel zu sehr war ich immer mit all den Dingen beschäftigt, die der Tag an Arbeit von mir verlangte. Die Familie kommt immer zu kurz. Damals sagte er, als er ging, so kann ich nicht leben. Ja, jetzt bekommen seine Worte immer mehr Bedeutung.


Das Alte ist so wunderschön. Wer so wohnen darf, muss, möchte,  sollte Geld bekommen um das Denkmal zu erhalten!











Zusammen, auf den Fußboden, um einen niedrigen Tisch zu sitzen. Das Essen zu teilen und zu reden. Regeln gibt es zu beachten. Nicht mit der linken Hand teilen, das bringt Unglück. Du brauchst kein Messer und keine Gabel. Den Löffel vielleicht, für Gussgus. Ansonsten nimmst du drei Finger deiner rechten Hand. Das Brot und andere Leckereien stehen auf den Tisch. Tee, Milch, Joghurt, Wasser am besten frisch, denn draußen ist es heiß. 40 Grad zeigt das Thermometer und im Haus, ist es auch nicht kühl.   Gegessen wird im Moment noch Nachts, denn es ist Ramadan. Ich versuche es aber ohne Trinken komme ich nicht zurecht. Manchmal lässt mich Mohammad durchschlafen. Ich habe es nicht gewagt dich zu wecken. Das ist schade, denn ich liebe das gemeinsame Essen sehr. Hättest du mich nicht fragen können. So wie am ersten Tag. Doch er sagt, er wollte mich nicht stören. Das ist wieder nett. Und ja, ich hätte ja auch sagen können, vergesse mich nicht zu wecken.


Manchmal tippt er die Worte in sein Nokia Handy ein. Bitte helfe mir. Er weiß genau, dass ich seine Hilfe brauche. Vielleicht möchte er wirklich mit mir leben aber so geht es auf keinen Fall. Er kann nicht leben wie wir, das hat er mir damals gesagt und ja, wieder sage ich,  heute gewinnen seine Worte an Bedeutung.
Wahrscheinlich stifte ich ein wenig Verwirrung mit ... vorher - nachher. Doch ich kann nicht anders und wer meine Geschichte kennt, der wird mich verstehen. Wer nicht, glaubt einfach an ein Wunder... ich tue es auch.

Doch zurück zu unserem Tag. Wir verlassen das Haus um 9.00 Uhr. Hier haben wir zwei Tage gelebt. Die Bilder die wir gemacht haben sprechen für sich.

Er trägt alles und wir laufen zum Bus, leider bekommen wir keine Plätze zusammen, doch es ist ok.
Nach ca. 3 Stunden Fahrt verlassen die ersten Menschen den Bus und wir können zusammen sitzen.

Habe ich erwähnt, dass ich ihn liebe. Ja, ich liebe Mohammad und jeden Tag, den wir zusammen verbringen wird er mir vertrauter. Er ist mir so nah, wirklich so nah wie ein Sohn oder ein geliebter Mensch, mit dem man schon sein ganzes Leben zusammen gelebt hat.

 Hier im Flugzeug spreche ich mit einer Frau. Sie sieht mich an und sieht meine Wehmut. Sie fragt nach meiner Reise und ob ich meine Liebe verlassen hätte und das eine oder andere. Eigentlich hätte ich sagen sollen, du bist mein Mann aber wir haben beschlossen, du bist mein Sohn. Warum nur. Wir kennen uns schon lange. Ja, Mohammad wir kennen uns schon lange und wir kennen uns schon lange persönlich. Das kann man nicht erklären, das kann man nur mit dem Herzen sehen, das verstehen nur Berber und das ist wegen ihrem Glauben, hast du gesagt. Vielleicht Mohammad, vielleicht verstehen uns mehr Menschen als du glaubst. Vielleicht?!


Und wieder tut es weh, wenn ich diese Zeilen schreibe. Warum tut es nur so weh?!

 Aber ich schweife ab. Der Bus findet seinen Bestimmungsort, wir steigen aus. Wieder nimmt er mich an die Hand. Die Leute auf der Straße sehen das verschiedene Paar. Ich überrage ihn um 3 cm und bin sicher das Doppelte. Ich bin strong, würde er sagen. Stark. Ja, das bin ich wohl aber er ist viel stärker.

Er trägt die ganze Weisheit dieser Welt in sich und ich möchte so gerne von ihm lernen.
Wie hat er gesagt. Ich möchte mich innerlich verändern und er möchte eine äußere Veränderung.
Was er an sich verändern möchte, weiß ich nicht.


Seine Liebe ist gestorben hat er mir vor Jahren gesagt. Wie lange ist das her. Moment. Wir schreiben das Jahr 2015 und wir haben uns kennen gelernt, ich glaube es war 2008 oder 2009. Es ist also schon eine ganze Zeit her. Genau erklären kann ich das jetzt nicht, weil ich es selbst noch nicht ganz verstehe aber mein Herz sagt mir. Du bist es und nie im Leben möchte ich dich wieder verlieren. Nie im Leben!


Er hat geschrieben, du wirst mich verlassen…. Meint er jetzt oder für immer. Ich hoffe er meint nur jetzt. Denn die Hoffnung ist alles was mir bleibt. Ich helfe dir, nein du hilfst mir und ein bisschen kann ich vielleicht dazu tun. Ein bisschen. Denn wenn  die Hoffnung zuletzt stirbt, dann stirbt sie nie.


Im Flugzeug zu heulen ist wirklich schrecklich aber was soll´s, diese Menschen sehe ich nie wieder.
So kullern mir die salzigen Tränen in den Mund und ich fange sie mit der Zunge auf. 
Im Geiste sehe ich mich an seiner Hand in seiner City, noch weiß ich nicht, dass es die schönsten zwei Tage meines bisherigen Lebens werden. Was sagte meine Glücksnuss. Sie werden dich lieben. Ja, merci, danke für eure Liebe.


Genau so ist es gemeint. SIE werden mich lieben. Sie schenken mir ihre Liebe, weil ich Mensch bin. Geben ist besser als nehmen. Das wissen diese Menschen. Darum sind sie glücklich, obwohl sie nichts, keine großen weltlichen Güter haben.

Geben ist besser. Irgend jemand hat mir mal gesagt, es war mein Tai Chi Lehrer, Meister Wang, wenn ich mich recht erinnere. Nehme Parfüm mit einem Zerstäuber und versuche etwas vom Duft auf einen anderen Menschen zu sprühen, ohne etwas davon mit zu bekommen. Genau so ist es. Psch, psch….Es geht nicht,  immer sprühst du auch etwas Duft auf dich.


Lachen muss ich. Die Stewardess  ist gerade durch die Reihen gegangen und ich habe Zigaretten für Stephan und Christoph gekauft. Darf ich ihre Zigaretten oben in das Fach legen. Yes plaese, sage ich. Haha und bemerke, dass ich auf Englisch geantwortet habe. Beim Einstieg in die Condor Boeing, sage ich, als die Stewardess  mich Willkommen heißt, MERCI. Hahah… ich bin ein Sprachgenie… lach… obwohl ich nur die einfachsten Worte kenne. Ich danke dir Abdullah, dass du mit mir Englisch gesprochen hast. Ich habe soviel gelernt von dir. So sehe ich ihn vor mir, die Hände zusammen genommen, so dass das berbische Zeichen von Gott zusammenkommt und sich bei Gott bedankend, dass ich seine englischen Worte verstehe. Denn eigentlich, kann er nicht gut Englisch und mein Englisch schlummert in den tiefsten Tiefen meines Gehirns. 





Nach der langen Fahrt stehen wir jetzt  in Mohammads City und er kauft Brot und Trinken für die Familie ein. Moment sagt er und lässt mich das erste Mal alleine stehen. Damit ich wohl weiß, wie sicher ich in dieser mir fremden Umgebung bin. Die Menschen hier sind nett, sagte er einmal. Du wirst viel Armut sehen, aber die Menschen sind die besten.


 So stehe ich mit meinem modernen Koffer in der Hitze, es werden wohl so um die 40 Grad sein. Gegessen habe ich nicht viel, aber getrunken. Er kommt zurück und führt mich wieder ein paar Schritte weiter. Dort geht er in einen Laden und kauft noch etwas, ich frage nach dem Milch Mix mit Avocado. Ich liebe dieses Getränk und er lacht. Geht zurück und kauft es sofort für mich. Er weiß wie sehr ich es liebe. Dann geht es mit dem Wüstentaxi weiter. Es sind noch 2 Stunden bis zu seiner Provinz Guelmim.

Und wir teilen die hintere Bank mit einem Freund von ihm. Die beiden unterhalten sich und ich sitze dazwischen. Aufmerksam verfolge ich die Unterhaltung. Ich kenne seine Art, wie er spricht und lacht. Wie er erzählt und seine Lippen bewegt. Mohammad du bist mir so vertraut und ich folge jedem Wort.. aber ich verstehe nichts. :) 

Die Fahrt dauert zwei Stunden, immer wieder zeigt er auf die Landschaft. Irgendwann verstehe ich, er meint die Bäume. Anfangs wusste ich nicht, wenn er das Wort Argan sagte, was er meinte. Jetzt weiß ich, es ist das Gold der Wüste. Eine Frucht aus der Öl gewonnen wird. So wie die Olive. Das Öl schmeckt leicht und kräftig. Es wird zu den Speisen gereicht und man tunkt sein Brot hinein. Ich liebe es, das Brot zu brechen, es in einen der Schälchen zu tunken, um es dann mit meinen drei Fingern der rechten Hand, in meinen Mund zu verstecken. Überhaupt liebe ich es, so zu Essen wie die Berber. Das Sitzen an einem Tisch mit Freunden, gefällt mir ja auch zuhause aber hier ist noch etwas intensiver. Ich habe das Gefühl, hier wird nur gegessen. Genau das sagt Mohamad. Wir essen hier immer. Seine Großmutter sagt, alles im Wechsel essen, trinken, arbeiten, schlafen - so muss es sein. Immer im Wechsel. Ja, die Frau spricht Recht.  Unvergesslich werden diese 1  1/2 Tage für mich bleiben. 2 Mal darf ich in dem Haus eines Freundes übernachten. Wenn ich es heute aus den Zimmern meines Gehirns hervorhole, erscheint es mir sehr unwirklich. So, als hätte ich das alles nur geträumt, doch das ist nicht möglich, dann ich habe ja die Fotos als Beweis.



Wir kommen mit dem Wüstentaxi in seine City an und der Weg führt über Schotter zu seinem Haus. Hier wurde  viel gearbeitet. Zwei Zimmer im Eingangsbereich sind neu und die Diele. Sie stehen im Rohbau. Daran vorbei kommen wir in den kleinen Innenhof. Rechts ist ein Waschraum und die Toilette. Alles ist peinlich sauber. Über einen kleinen Raum in dem ein Schrank und ein Kühlschrank steht, kommt man in das Schlafwohnesszimmer. Die Wände sind mit weißer Farbe gekalkt. Die Luft ist zu warm. Er zeigt mir die Wohnung. Ich begrüße seine bezaubernde Schwester Khadija. Khadija heißt die erste Frau Mohammads, sagt mir mein Freund. Eine wunderschöne Frau. Schwarze Haare im Nacken streng zusammengebunden. Ein rotes, langes Kleid mit weißen, großen Blüten trägt sie und ein wunderbares Lachen. Ich liebe Sie sofort und möchte meinen Blick nicht von ihr wenden. Sie zeigt mir das Haus. Hier ist ein Zimmer und dort schläft Großmutter. Vorsichtig gehe ich die Stufen hoch. Die Decke berührt fast meinen Kopf und ich beuge mich etwas vor. Die Wände sind dunkel und ohne Farbe. Auf den Stufen stehen noch Mörtelsäcke und es liegen Sachen dort. Meine Augen sehen Armut und ich versuche nicht richtig hinzusehen. Denn mein Herz würde viel zu traurig und die Angst, Sie könnte es merken, lässt mich oberflächlich sein. Oben auf dem Dach kann man die Zerstörung sehen, hat aber auch einen weiten Blick über das Land. Hier hat das Wasser ganze Arbeit geleistet. Die Häuser wurden zum Teil weg geschwemmt. Es ist mehr als traurig. Ja, ich werde Mohamad heiraten. Wenn er nicht mehr hier leben möchte, dann soll er zu mir kommen. Ich denke zwar, dass er hier glücklich ist aber er sieht es anders.


Manchmal glaube ich, er tut es nur für mich, weil ich seine Mutter bin aber ich habe es offensichtlich vergessen. Meine Seele ist wohl zu alt. Ja, ja wir sind ein bisschen verrückt. Doch wir lieben uns auf unsere ganz eigene Art.


 Dann sehe ich Sie. Seine Großmutter. Sie trägt einen grünen Schal um den kleinen  Kopf und einen Berber Rock. Der kleine Kopf passt, bei der Begrüßung, in meine Hände und Sie sagt immer wieder Merci, merci, merci… Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen. Ihre Stimme ist hell und klar. Sie ist so zart wie Mohamad und ich liebe Sie. Ich kann Sie gar nicht mehr los lassen. Wenn ich das jetzt hier schreibe, habe ich Tränen in den Augen, weil ich Ihre vor mir sehe und ich sehe die ganze Trauer ihrer Zeit auch wenn Sie lacht und immer wieder ihre gelernten Worte vorsagt. Ich sehe ihren Schmerz. Den Verlust, den Sie zu tragen hat. Was soll nur aus ihr werden, wenn Mohamad nach Deutschland kommt. Was wird aus dieser wunderbaren alten Frau, die heimlich ihren schlimmen Husten hat. Das ist wohl auch der Schmerz, der in ihrer Brust ist. Wer verwindet schon den Tot seines Kindes. Niemand auf dieser Welt. Meines war noch nicht geboren und trotz dem weiß ich, etwas zu tragen, unter dem Herzen und es später zu verlieren, es nicht oder nicht mehr in den Armen halten zu dürfen, das tut so weh, für immer.


Aber wir lachen und drücken uns, wie Menschen, die sich  immer schon kannten. Bitte bleibe noch, sagte Sie einmal. Ich habe die Worte verstanden, obwohl Sie nicht in meiner Sprache waren. Bitte bleibe noch eine Weile. Dann macht Sie mit ihren Händen eine flatter Bewegung und geht hoch und runter mit ihrer rechten Hand. Sie schüttelt den Kopf. Was soll ich machen, mein Flugzeug ist gebucht und ich kann nicht mehr bleiben. Selbst wenn ich wollte. Es ist ja keine Busfahrkarte, wo ich auch den nächsten nehmen könnte. Auch hat sich Christoph, mein Sohn, von zuhause gemeldet. Mama, wenn du wieder zuhause bist, müssen wir zum Arzt. Mein Fuß ist dick und meine Hand. Das schlechte Gewissen, die Jungs alleine gelassen zu haben und mich auf eine Reise zu begeben, obwohl unsere Kasse leer ist. Das ist es wohl, warum ich auch erst gar nicht den Versuch unternehme, noch ein bisschen bleiben zu können. Heute, wo ich diese Zeilen schreibe, weiß ich, mein Herz ist dort geblieben. Dort bei den Menschen. Ich sehe mich auf dem Stein sitzen und in die Ferne schauen. Einfach so. Es ist heiß und die Vögel singen. Nichts anderes kann die Ruhe stören und ich lausche. Lausche der Stille.


Bitte lasse uns hier sitzen und Rast machen. Sage ich zu den Brüdern, die mir die nähere Umgebung zeigen. Ich stecke in dem Kleid, das Mohamad mir geschenkt hat. Es hat die Farbe des Sandes aus Essaouira. Mein Kopf steckt in einen Berberhut und um den Schultern habe ich ein wunderbares weißes Tuch, ein Geschenk von Khadija. Ich bin der Zeit etwas verrückt und fühle mich wundervoll. Meine Füße stecken noch in den Schlappen, die ich für die Reise von meiner Freundin Klaudia bekommen habe. Sie  haben die Farbe, der Stickerei von meinem Tuch. Ein wunderschönes Türkis, so wie das Wasser, das von der Quelle aus den Weg entlang, von seinem Dorf in ein anderen Dorf fließt.








Jedes Dorf bekommt einen Tag das Wasser. So erklärt mir Mohamad. Es wird umgeleitet. Bekommt euer Dorf dafür Geld. Frage ich. Ja, sagt er. Und das macht mich zufrieden. Ein bisschen Gerechtigkeit sehe ich dann doch. Ich weiß, die Regierung könnte mehr für die Menschen, deren Häuser zerstört wurden und deren Familien nicht mehr vollständig sind, tun. Mohamads Mutter ist in den Fluten gestorben. Der Bus ist vom Weg abgekommen und die Wassermassen haben ihn mit der Strömung mitgenommen. Vierzehn Menschen sind in diesem Bus gestorben. Im letzten Jahr war das. Lieder wurden geschrieben. Eine CD habe ich von Abdullah seinem Bruder bekommen. Er selber hat Musik gemacht. Ist viel auf Hochzeiten gewesen. Doch jetzt, wo seine Mutter gestorben ist, da lässt er die Musik. Seiner Mutter zur Liebe. Sie mochte es nicht so sehr, dass er musizierte.

 Wir gehen den Weg und bald hören wir lautes Lachen. Junge Männer baden, in einem der gemauerten Becken, wo das Wasser der Quelle hineinfließt.
Es ist ein Spaß bei diesem Wetter. Immerhin ist es über 40 Grad warm. Mohamad spricht mit Ihnen, alle lachen, ich sage Ca va und wir gehen noch eine Weile.

Bald wollen wir zurück, weil wir noch mit dem Auto reisen möchten. Dieser Tag hat wundervoll begonnen und ich bin gespannt darauf, wie er weiter geht. Innerlich habe ich mich schon auf das Ende der Reise vorbereitet nicht wissend, das der Höhepunkt noch kommt. 7





















 So laufen wir den Weg zurück. Treffen in der Mitte auf den Mathematik Professor von Abdullah und unterhalten uns. Auch er kann Französisch besser als Englisch. So stehe ich mit meinen Vokabeln noch ganz gut da. Immerhin hatte ich die letzte Englischstunde vor 38 Jahren und ich muss zugeben, gelernt habe ich nicht mehr. Abdullah freut sich so sehr. Seine Augen strahlen. Er erzählt, dass er jetzt Englisch spricht und ist mächtig stolz. Ich höre gespannt zu. Begrüße die kleinen Töchter des Professors und bekomme Küsschen. Das machen die Kinder auf Wunsch der Eltern. Die Hand zu geben, ist viel zu wenig. Ich finde es schön und den Mädchen gefällt es auch mich zu küssen.


Wir haben uns verabschiedet, nicht ohne zu lachen und noch ein paar Mal den Blick nach hinten zu werfen, auf unserem Weg. Abdullah lacht, mein Professor spricht auch nicht gut Englisch, wie ich, sagt er. Immer wieder bedankt er sich, weil er ja jetzt Englisch spricht. Wegen mir. Das findet er so toll.

 Mohamad nimmt mich bei der Hand und läuft etwas schneller. Sein Bruder wartet. Wir wollen noch etwas unternehmen aber ich habe nicht verstanden was. Ich weiß nur, für Großmutter ist es zu schwierig diesen Weg zu gehen. Es ist zu heiß. Dann lasse ich mich überraschen.


Zu Hause angekommen setzen wir uns in den Wagen und fahren zum Dorf mit der reichsten Dattelzucht.
Mohamad und Casa gehen in die Mosche. Heute ist der letzte Tag Ramadan und das ist wichtig.

Abdullah lässt für mich das Beten und zeigt mir die Umgebung, er betet ein anderes Mal. Es ist wunderschön. Die kleinen Wege tragen rechts und links, Kopf hohe Mauern , aus rotem Lehm. Am oberen Ende der Mauer ragen die Blätter der Palmen heraus. Auf meine Frage, wozu das ist, sagt Abdullah, es ist Tradition. Das ist ein Wort, was sich so in mein Hirn eingeprägt hat, wie die Frucht Argan. Ja, die Tradition wird in diesem Land oder besser bei den Berbern noch groß geschrieben.

So gehen wir die Wege und ich staune über die Datteln in den Bäumen. Nichts ahnend welch ein wunderschöner Tag noch auf mich zu kommt. Im Moment der Hitze denke ich darüber nach, bei Großmutter zu sitzen. Die Männer hätten doch alleine in die Mosche fahren können. Doch ist es schön  Abdullahs leuchtente Augen zu sehen. Er freut sich immer mit mir und das macht mein Herz weit, auch wenn ich jetzt Mohammad vermisse. 


Unsere Fahrt geht bald weiter und wir fahren in die Western Sahara, es ist 40 Grad heiß und wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich vor meinem geistigen Auge die Indianer und die Cowboys vorbei reiten. Nein, in Wirklichkeit  höre ich wie Sadik mir immer wieder sagt. Schau dort wird Marmor abgebaut, oder: schau das Dorf, oder wie so oft : dort Argan.  So gehen meine Blicke nach rechts und links und meine Hand verschwindet in Mohammeds Haaren. Er sitzt vorne neben Casa und hat seine Füße hoch im Auto abgelegt. Er schließt die Augen und genießt die kleinen Streicheleinheiten. Sobald ich aufhöre nimmt er meine Hand und ich nehme seine.


Irgendwann kommen wir an unser Ziel und steigen aus dem Auto. Das Auto hat eine Klimaanlage und beim Türe öffnen, kommt mir eine schwüle Hitze entgegen. Ich nehme meine Flasche Wasser und wir
gehen unseren Weg. Immer weiß ich noch nicht, dass ich  drei Kilometer steil in die Höhe laufen soll. Hoch oben ist eine Festung. Die sehe ich wohl. Doch nie und nimmer denke ich, dass wir diesen Berg erklimmen wollen.  Abdullah hat einen Hut auf wie ich und fast hätte ich ihn nicht wieder erkannt. Ich sage es und wir lachen.

 Hui, die Stunden im Flugzeug sind schnell vergangen und ich mache jetzt hier eine Pause.

Zuhause werde ich den Rest des Tages vervollständigen und dann noch den kleinen anderen Teil, bis zu meiner Abreise.

ARGAN

Bis später eure Oppi

Übertreiben

Wenn wir Vorbilder haben oder Menschen, die etwas anders gemacht haben als wir, fangen wir an zu übertreiben. Ja, so wie dieser Mensch es ...